Auf dem Planeten Koalition III stand seit ca. vierzehn Monaten eine Brücke — nicht, weil sie benutzt wurde, sondern weil sich niemand einigen konnte, ob sie benutzt werden dürfte.

Die Brücke selbst war ein unscheinbares Bauwerk aus verrostetem Kompromissstahl und gegossener Ratlosigkeit, gespannt zwischen zwei Kratern, die man aus Gründen der politischen Korrekthekt „Seite Links“ und „Seite Rechts“ nannte. Offiziell hieß sie „Brücke der Gemeinsamkeiten.“ Inoffiziell, also dort, wo die Wahrheit lebte — meist in der Kantine der Galaktischen Verwaltung, zwischen verbranntem Kaffee und unverbindlichen Plaudereien —, nannte man sie „das Ding, das kein Schwein braucht.“

Es war kein gewöhnlicher Streit, der die Reparatur verhinderte. Es war der koalitionäre Streit, jene besondere Form der Auseinandersetzung, bei der zwei Parteien gleichzeitig Recht haben, sich aber weigern, es dem anderen zuzugestehen, weil das wie eine Niederlage aussähe — und Niederlagen, das hatte der Fraktionsvorsitzende der Einheitspartei Dunkel einmal in einem Moment ungewöhnlicher Ehrlichkeit gesagt, seien „nur Siege, die sich noch nicht umgedreht haben.“

Die Schwarzen — so der Spitzname der Einheitspartei Dunkel, deren Mitglieder sich selbst galaktisch-modern empfanden, aber in Wahrheit so fortschrittlich waren wie ein Faxgerät in einem Museum —, die Schwarzen also wollten eine Autobahn. Eine richtige, mit Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben, Überholverbot gelockert und einem Tempolimit, das de facto keines war, weil „Freie Fahrt für freie Bürger“ auch im siebten Sonnensystem noch ein verdammt gutes T-Shirt-Motiv abgab. Die Autobahn sollte die beiden Krater verbinden, den Wirtschaftskreislauf ankurbeln und — so der Haushaltsexperte mit dem Gesicht eines Mannes, der noch nie ein Lachen zu Ende gebracht hatte — „signifikante Wachstumsimpulse in der infrastrukturellen Grundausrüstung generieren.“

Die Roten — die Soziale Stillstandspartei, deren Mitglieder sozialdemokratisch waren wie ein Stein, der behauptet, er fühle etwas —, die Roten wollten etwas ganz anderes. Sie wollten eine Fußgängerzone. Mit sozialer Durchmischung. Mit Bänken. Mit einem „Begegnungsraum für alle Spezies.“ Ihr Positionspapier war sechzehn Seiten lang und enthielt das Wort „gerecht“ siebenunddreißigmal, das Wort „solidarisch“ zweiundzwanzigmal und das Wort „finanziert“ exakt nullmal.

Die Verhandlungen begannen im ersten Monat. Im zweiten Monat wurden sie „intensiviert.“ Im dritten Monat wurden sie „in eine konstruktive Phase überführt.“ Im vierten Monat gründete man eine Arbeitsgruppe. Im fünften Monat löste man die Arbeitsgruppe auf, weil sie sich nicht einigen konnte, ob sie „Arbeitsgruppe“ oder „Taskforce“ heißen sollte. Im sechsten Monat veröffentlichte man eine „gemeinsame Zwischenbilanz,“ die dreizehn Seiten lang war und inhaltlich exakt null Seiten entsprach. Im siebten Monat begann man von vorne.

Inzwischen bröckelte die Brücke. Nicht dramatisch — sie bröckelte auf die Art, wie eine Koalition bröckelt: langsam, leise, und so unauffällig, dass man es erst bemerkt, wenn ein tragendes Element fehlt und das Ganze plötzlich schräg hängt. Ein Ingenieur — ein ehrlicher, also ein bald arbeitsloser —, meldete im achten Monat, dass die Brücke ohne Reparatur in spätestens drei Jahren einstürzen werde. Der Haushaltsexperte der Schwarzen sagte: „Drei Jahre? Das ist Legislaturperiode plus.“ Die Roten gründeten eine Kommission für Brückensicherheit. Die Kommission tagte dreimal. Ergebnis: ein Positionspapier. Inhalt: „Die Brücke ist ein wichtiges Thema.“

Der Komet R3 PanSTARRS, der zu dieser Zeit gerade durch das äußere Sonnensystem schoss und sich auf dem Weg nach Süden befand, flog an Koalition III vorbei. Er hatte das Schauspiel nicht geplant, aber das Universum hat nun mal keinen Respekt für menschliche Terminkalender. Was er sah, machte ihn — der seit Milliarden Jahren durch die Leere raste und dabei nicht einmal einen Schweif verloren hatte — sprachlos. Eine Brücke, die niemand reparieren wollte. Zwei Parteien, die sich nicht einigen konnten. Und dazwischen: eine Verwaltung, die Formulare druckte, als wäre Papier die Lösung aller Probleme.

Er hielt kurz inne — was physikalisch unmöglich war, aber Kometen sind bekannt dafür, sich nicht um die Gesetze der Mechanik zu scheren, wenn die Pointe es verlangt — und rief mit einer Stimme, die durch das Vakuum hallte, als hätte jemand einen Megaphon an einen Stern geschraubt:

„IHR HABT IMMER NOCH KEINE BRÜCKE!“

Stille. Dann, von der Seite Links: „Wir arbeiten daran.“ Von der Seite Rechts: „Es ist kompliziert.“ Aus der Verwaltung: ein Formular. „Beschwerdeeingang — Bitte in dreifacher Ausfertigung.“

Doch dann — und hier bog die Geschichte ab, wie ein Kometenschweif im Sonnenwind — geschah das Unerwartete. Nicht von den Schwarzen, nicht von den Roten, nicht von der Verwaltung. Sondern von der Brücke selbst. Sie rührte sich. Nicht physisch — sie war immer noch ein Haufen bröckelnder Kompromissstahl —, sondern politisch. Denn die Brücke, verrostet, ignoriert, zwischen zwei Kratern hängend wie ein vergessener Satz in einem Koalitionsvertrag, hatte genug. Sie veröffentlichte eine eigene Pressemitteilung. Dreizehn Wörter:

„Ich bin eine Brücke. Ich verbinde. Wer mich nicht repariert, fällt durch mich hindurch.“

Die Nachricht ging viral — nicht im Netzwerk der Galaxis, das war zu langsam, sondern durch den Kometenschweif von PanSTARRS, der als Trägermedium funktionierte, weil das Universum offenbar einen Sinn für dramatische Ironie hatte, den kein Drehbuchautor hätte erfinden können. Innerhalb von Stunden wusste das halbe Sonnensystem von der rebellierenden Brücke. Die Schwarzen nannten es „unprofessionell.“ Die Roten nannten es „ein Hilferuf.“ Die Verwaltung druckte fünfhundert Exemplare der Pressemitteilung und heftete sie unter „Sonstiges“ ab.

Die Brücke, unbeirrt von bürokratischer Reaktion, tat das, was Brücken in solchen Situationen tun: Sie brach endgültig ein. Nicht aus Schwäche, sondern aus Prinzip. Sie fiel in den Abgrund zwischen den beiden Kratern, und der Abgrund — der übrigens „Kompromissschlucht“ hieß, was nun wirklich der beste Name war, den die Galaktische Verwaltung je vergeben hatte — verschlang sie mit der Gleichgültigkeit eines Schwarzen Lochs, dem man versichert, dass alles „in einem konstruktiven Prozess“ sei.

Die Koalition tagte am nächsten Morgen. Tagesordnungspunkt eins: „Analyse des Brückeneinsturzes und seiner politischen Implikationen.“ Tagesordnungspunkt zwei: „Nächste Schritte.“ Tagesordnungspunkt drei: „Gibt es einen Tagesordnungspunkt drei?“ Antwort der Verwaltung: „Noch nicht, aber wir arbeiten daran.“

Und der Komet? R3 PanSTARRS schoss weiter, Richtung Orion, Richtung Ausgang, Richtung der Zukunft, die — wie jede Zukunft, an der zwei Parteien gleichzeitig bauen — einfach passierte, obwohl sich niemand darauf geeinigt hatte. In seinem Schweif trug er die Pressemitteilung der Brücke wie eine Flagge, die sagte: Ich war hier. Ich hätte funktionieren können. Ihr hättet nur bauen müssen.

Wenn also das nächste Mal jemand über eine Brücke spricht — ob auf Koalition III oder hier auf Erden —, dann sollte man sich vielleicht fragen: Wer repariert sie, bevor sie entscheidet, dass sie es selbst tun muss?

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Diese Geschichte basiert auf dem Beitrag „Which Way is Comet R3 PanSTARRS Going?“ auf ways4eu.wordpress.com.


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