Seit drei Jahren saßen sie nebeneinander, ohne zu reden.
Nicht, weil sie nichts zu sagen gehabt hätten. Sondern weil das Schweigen zu einem Raum geworden war, in den man nicht einfach hineinredete, ohne dass die Möblierung verrutschte. Jeder Satz hätte eine Tür gewesen sein müssen, aber keiner von ihnen wusste mehr, wo die Klinken hingen.
Eduard Grell war siebenundsechzig, hatte graues Haar, das er morgens mit einer Bürste strich, und Hände, die aussahen, als hätten sie einmal etwas Sinnvolles getan, ohne dass man es ihnen ansah. Er saß jeden Abend am Küchentisch, eine Tasse Tee, ungesüßt, und las oder tat so, als lese er. In Wirklichkeit starrte er auf dieselbe Seite, weil sich auf der anderen Seite des Tisches Margit befand, die alles tat, was man tat, wenn man zusammenlebte, ohne zusammenzuleben: Blumen goss, Teller abwischte, Socken strickte. Sie strickte immer. Es war ihre Form der Präsenz, leise und nützlich und ohne jede Erwartung.
Die Wohnung lag im dritten Stock in einer Straße, die nach Linden duftete und in der alle Balkone gleich aussahen: praktisch, unbeleuchtet, ohne Geschichte. Dahinter begann der Himmel, und in dieser Nacht begann er besonders früh, weil es November war und das Licht sich schon um vier Uhr verabschiedete, als hätte es einen anderen Termin.
An jenem Abend, es war der elfte November, sagte Eduard etwas, das er seit Monaten nicht gesagt hatte.
„Margit.“
Sie legte die Stricknadel hin und sah ihn an. Nicht erschrocken. Nicht erwartungsvoll. Nur: angesehen.
„Es ist draußen“, sagte er.
„Was?“
„Die Bewegung.“
Sie verstand erst nicht. Dann folgte sie seinem Blick zum Fenster, wo der Himmel zwischen den Lindenblättern lag, bläulich-schwarz, und in ihm, kaum sichtbar, kaum glaubhaft, stand ein Punkt, der zu den anderen Punkten gehörte, aber anders war. Saturn. Leuchtend, ruhig, fern.
„Seit Wochen beobachte ich ihn“, sagte Eduard. „Er bewegt sich rückwärts.“
Margit setzte sich an den Küchentisch und tat etwas, das sie seit drei Jahren nicht getan hatte: Sie rückte den Stuhl näher. Nicht viel. Dreizehn Zentimeter vielleicht. Aber es war eine Distanz, die bemerkbar war, wenn dreizehn Zentimeter trennten, und sie trennten dreizehn Zentimeter seit sieben Monaten, seit er mit der jungen Frau aus der Apotheke geredet hatte und sie das gesehen hatte und nichts gesagt hatte und er nichts gesagt hatte und die dreizehn Zentimeter aufgeblieben waren wie eine Narbe, die man vermeidet.
„Rückwärts“, wiederholte sie.
„Scheinbar. Nicht wirklich. Die Erde überholt ihn auf der Innenspur, und deshalb sieht es aus, als ob er sich umdrehte. Es ist eine Täuschung. Aber eine, die man mit eigenen Augen sehen kann.“
Margit schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Du hast das immer getan.“
„Was?“
„Dinge beobachten, die sich umdrehen.“
Er legte die Tasse ab. Die Bewegung war langsam, fast zögerlich, als befürchte er, dass das Absetzen der Tasse eine Erklärung erfordere, die er nicht bereit war zu geben. Er sah sie an, und sie sah ihn an, und für einen Augenblick saßen sie wieder am selben Tisch wie vor dreizehn Zentimetern, wie vor drei Jahren, wie vor dreißig.
„Margit.“
„Ja.“
„Ich war bei der Apotheke damals nicht, weil ich wollte.“
„Du brauchst das nicht zu sagen.“
„Ich sage es trotzdem. Ich war dort, weil ich Medikamente abholen wollte. Für dich.“
Sie starrte ihn an. „Ich nehme keine Medikamente.“
„Das habe ich erst danach erfahren.“
Dann lachte sie. Nicht laut. Nicht ausgelassen. Es war ein Lachen, das man als Lachen erkannte, weil es nicht Weinen war, und das war in ihrer Ehe die präziseste Form der Aussöhnung gewesen: Etwas, das nicht Weinen war, und das genügte.
„Du hast mich also zwanzig Meter zur Apotheke begleitet“, sagte sie.
„Nein. Ich stand draußen und wartete.“
„Und die junge Frau?“
„Die junge Frau ist die Tochter des Inhabers. Sie war zwanzig. Ich war sechzig. Das ist kein Skandal, das ist eine Taxifahrt.“
Margit strich sich über die Stirn. Dann nahm sie die Stricknadel wieder auf, aber sie legte sie gleich wieder hin. Die Bewegung war, als wolle sie sich an etwas festhalten und merke, dass es nichts gab, an dem sie sich festhalten wollte, außer der Hand, die neben ihr auf dem Tisch lag, und diese Hand gehörte ihr.
„Zeig mir den Saturn“, sagte sie.
Sie gingen in den Garten. Der Garten war klein, unbefestigt, mit einem Apfelbaum, der jedes Jahr zu früh und zu viele Äpfel trug und die niemand pflückte. Über ihnen stand der Himmel, klar, kühl, ohne Mond, und in ihm Saturn, leuchtend wie ein Gedanke, den man einmal hatte und dann vergaß und der nach Jahren wiederkam.
„Dort“, sagte Eduard und deutete.
Sie standen nebeneinander und sahen hinauf, und die Stille war diesmal keine Wand, sondern ein gemeinsames Dach.
„Bewegt er sich jetzt?“, fragte Margit.
„Langsam. Man sieht es erst nach Wochen.“
„Wie wir.“
„Ja.“
Sie schwiegen, und das Schweigen war anders als vorher, weil es ein Schweigen war, in dem jemand war, und nicht nur ein Raum.
Dann sagte Eduard etwas, das ihn überraschte, so sehr wie sie.
„Neptun bewegt sich auch rückwärts. Im Moment. Gleichzeitig.“
„Zwei?“
„Zwei. Saturn und Neptun. Gleichzeitig.“
Margit schüttelte langsam den Kopf. „Das ist wie ein Gespräch“, sagte sie. „Zwei Stimmen, die sich gleichzeitig umdrehen und dann merken, dass sie sich begegnet sind.“
Er sagte nichts. Er legte seine Hand neben ihre auf den Stuhl, und ihre Finger berührten sich, nicht aus Zärtlichkeit, sondern aus Gewohnheit, und vielleicht war das mehr.
Am nächsten Morgen stand Eduard früher auf als sonst. Er machte den Tee, stellte zwei Tassen auf den Tisch und setzte sich. Margit kam aus dem Schlafzimmer, sah die Tassen, setzte sich, nahm eine und trank.
Sie sagten kein Wort. Aber die Tassen standen nebeneinander, näher als gestern, und das genügte.
Über der Lindenstraße stand der Himmel, November-grau, und irgendwo in ihm, unsichtbar, aber da, bewegte sich Saturn weiter. Rückwärts. Langsam. Wie jemand, der auf dem Weg zu einem anderen Menschen plötzlich stehenbleibt und umkehrt, nicht weil er den Weg nicht kennt, sondern weil er ihn erst verstehen muss, bevor er ihn begeht.
Und Neptun? Neptun war weiter weg, kaum sichtbar, und doch bewegte er sich im selben Takt, im selben Winkel, als hätte das Universum zwei Stimmen, die seit Milliarden Jahren dasselbe Lied singen und nie aufhören, sich zu fragen, ob der andere noch zuhört.
✍️ Saturn retrograde 2026 | Neptune retrograde | What causes retrograde motion
Bezugstext auf ways4eu.wordpress.com: When Giants Go Backwards: Saturn, Neptune, and the Great Cosmic Relay.
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