Die Riesinnen
Von Hannah Haeffner
Wuest, wild, bewegend und voller Poesie: Drei Frauen im Schwarzwald, die ueber die Grenzen ihres Dorfes hinauswachsen. Ein...
🌿 Ein Reich der Frauen, ein Wald aus Worten
📖 Die erste Seite, die alles verändert
Es gibt Bücher, die man liest. Und es gibt Bücher, die einen an sich ziehen, wie ein stiller Waldweg im Herbst 🍂, den man nicht mehr verlassen möchte. Hannah Häffners „Die Riesinnen“ gehört zu den Letzteren. Schon auf der ersten Seite weiß man: Hier spricht jemand, die die deutsche Sprache nicht einfach benutzt, sondern sie wie ein Instrument spielt — leise, klangvoll, manchmal schneidend, immer wahr.
🪶 „Mager ist sie, wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform. Dünn und stark und langgestreckt: Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen.“
So beginnt ein Porträt, das man so schnell nicht vergisst. Nicht wegen der Aussage, sondern wegen der Art, wie es gesagt wird. Häffner schreibt wie eine Malerin, die mit Pinselstrichen arbeitet, die nebenbei die Seele zeigen. 🎨
✨ Stärken des Buches
1. 🎶 Die Sprache: Poesie, die unter die Haut geht
Es ist die Sprache, die diesen Roman so zauberhaft macht, schrieb die NZZ zu Recht. Häffner findet für jede ihrer drei Frauen eine eigene Erzählstimme, einen eigenen Rhythmus, eine eigene Art zu schweigen. Lieses Sätze sind kurz, entschlossen, wie Messer, die in die Theke gehauen werden. Coras Gedanken fließen, unruhig, sprunghaft, wie ein Bach, der sein Bett nicht findet. Evas Sprache schließlich hat etwas Zartes, Überlegtes — sie beobachtet die Welt mit den Augen eines Kindes, das gerade lernt, dass der Wald ein eigenes Herz hat. 💚
💭 „Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?“
Dieser Satz allein hätte gereicht, um mich zum Nachdenken zu bringen. Dass er in einem Roman steht, der so viel mehr zu sagen hat, macht ihn noch wertvoller.
2. 💪 Die Frauen: stark, unabhängig, echt
Liese, Cora und Eva sind keine Heldinnen im klassischen Sinne. Sie sind keine Kriegerinnen, keine Rebellinnen mit erhobener Faust. Sie sind Frauen, die leben. Die arbeiten, lieben, schweigen, scheitern und wieder aufstehen. Und genau das macht sie so außergewöhnlich. 🌸
- 🥩 Liese führt eine Metzgerei — ein Beruf, der in den 1960er Jahren in einem konservativen Dorf für eine Frau geradezu revolutionär war. Nicht weil sie laut dafür kämpft, sondern weil sie einfach tut, was getan werden muss. Still, unerbittlich, mit einer Kraft, die nicht protzt.
- 🔥 Cora ist die Wütende. Sie bricht aus, reist nach Italien, nach Frankreich, lebt ein Leben, das ihr das Dorf nicht zugestehen würde. Und doch kehrt sie zurück — nicht als Verliererin, sondern als Frau, die weiß, dass Heimkehr eine Wahl ist, keine Niederlage.
- 🌱 Eva, die Enkelin, ist die Freieste von allen. Sie steht auf den Schultern der beiden anderen und weiß es. Ihr Blick auf den Wald, auf die Natur, auf die Verletzlichkeit des Lebens, hat etwas Zerbrechliches und zugleich Unbeugsames.
3. ♀️ Der Feminismus, der nicht brüllt
Es gibt Bücher, die den Feminismus wie eine Fahne schwenken. „Die Riesinnen“ trägt ihn in den Knochen. Die drei Frauen brauchen keinen Mann, um zu überleben, und doch sind sie nicht anti-männlich. Männer kommen vor — als Ehemänner, Liebhaber, Vergänglichkeiten —, aber sie bestimmen nicht den Weg dieser Frauen. Häffner zeigt, dass Stärke nicht bedeutet, gegen etwas zu sein, sondern für sich selbst zu stehen. 🙌
Die Beziehung zwischen Großmutter, Mutter und Enkelin ist geprägt von Reibung, von Distanz und von Schweigen. Und trotzdem — oder vielleicht gerade deshalb — bleibt da eine Verbindung, die tiefer geht als Worte.
4. 🌲 Das Setting: Der Wald als lebende Figur
Der Schwarzwald in „Die Riesinnen“ ist keine Kulisse. Er ist ein Charakter. Häffner schreibt über die Bäume, den Nebel, das Moos, als würde sie über eine Person schreiben — mit Zuneigung, aber auch mit Ehrfurcht vor ihrer Vergänglichkeit. 🌿
🍃 „Dass sie nach Hause kommen kann, gibt ihr das Gefühl, fallen zu können, aber nicht zu tief, gerade so, dass man den Schmerz noch aushält.“
Wittenmoos, das erfundene Dorf „eine Pfütze von einem Dorf“, ist so klein, dass jeder jeden kennt, und so eng, dass man manchmal nicht atmen kann. Und doch ist es der Ort, an den alle drei zurückkehren, weil Heimat eben nicht dort ist, wo man hinwill, sondern dort, wo man hingehört. 🏡
5. ⏳ Der Zeitstrang: Unschärfe als Stilmittel
Häffner verrät uns nie genau, in welchem Jahrzehnt wir uns befinden. Die Geschichte beginnt in den 1960er Jahren, streift durch die 1970er und 1980er, und landet schließlich in unserer Zeit. Aber sie tut das so sanft, so nebenbei, dass man manchmal nicht merkt, dass die Zeit vergangen ist. Das ist kein Fehler — das ist Absicht. Denn die Geschichten dieser Frauen sind zeitlos. 🕰️
📚 Genre-Einordnung: Wo sich „Die Riesinnen“ einreiht
„Die Riesinnen“ steht in einer Reihe mit den größten Frauenromanen der deutschsprachigen Literatur:
- 🌟 Michael Ende („Momo“): Ähnliche Poesie, ähnliche Tiefe, aber Häffner bleibt im Realismus. Wo Ende eine Märchenwelt schafft, findet Häffner das Märchische im Alltag.
- 🌟 Ilse Aichinger („Die größere Hoffnung“): Aichingers Sprache hat dieselbe Präzision, dieselbe Falle für das Unaussprechliche. Häffner erinnert daran, dass Literatur nicht laut sein muss, um zu bewegen.
- 🌟 Jenny Erpenbeck („Heimsuchung“): Erpenbecks Roman über eine Frau und ein Haus hat ähnliche Themen — Heimat, Verwurzelung, Vergänglichkeit. Aber Häffner schreibt aus drei Perspektiven und erreicht damit eine größere Vielfalt.
- 🌟 Elena Ferrante („Neapolitanische Saga“): Ferrantes vierbändiges Werk über zwei Frauen in Neapel hat dieselbe Kraft der weiblichen Freundschaft und Konkurrenz. Häffner komprimiert diese Kraft auf 416 Seiten und verliert nichts an Intensität.
💬 Ausgewählte Textstellen
🪶 Die Eröffnung: „Mager ist sie, wie ein Kleiderhaken, zurechtgebogen zu Menschenform.“ — Ein Bild, das sofort sitzt. Man sieht diese Frau, man fühlt ihre Fremdheit in diesem Dorf.
💭 Über Heimat: „Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest?“ — Ein Satz, der so tief geht, dass man ihn aufschreiben und an die Wand hängen möchte.
🤝 Über die Verbindung: „Dass sie nach Hause kommen kann, gibt ihr das Gefühl, fallen zu können, aber nicht zu tief, gerade so, dass man den Schmerz noch aushält.“ — Die Sicherheit, die eine Familie geben kann, in einem einzigen Satz gefangen.
🏁 Fazit: Ein Jahreshighlight, ein Buch für die Ewigkeit
„Die Riesinnen“ ist ein Meisterwerk. 🏆 Nicht, weil es großspurig daher kommt, sondern weil es leise ist und doch alles sagt. Hannah Häffner hat mit ihrem Belletristik-Debüt bewiesen, dass sie zu den besten Erzählerinnen ihrer Generation zählt.
Dieses Buch wird man in zehn Jahren noch lesen. Man wird es empfehlen. Man wird Sätze daraus zitieren. Man wird sich an Liese erinnern, an Cora, an Eva — und an den Wald, der sie alle zusammenhält. 🌲
⭐⭐⭐⭐⭐ 5 von 5 Sternen. Uneingeschränkte Empfehlung.
💬 Doris Knecht: „Die Riesinnen saugen einen auf der ersten Seite ein, und am Ende dieses Drei-Generationen-Porträts großer Frauen wird man atemlos ausgespuckt. Wüst, wild, bewegend und voller Poesie.“
