Alt genug

Von Ildikó von Kürthy

Ildikó von Kürthy feiert die Kraft der Lebensmitte, das Wunder des Mittagsschläfchens und das kostbare Gefühl, dass wir mit...

Preis  
€22.99

⭐ Bewertung: 1/5 — Absolut nicht empfehlenswert

Ein peinlich bemühtes, inhaltlich banales und literarisch überflüssiges Buch, das sich als große Emanzipation des Alterwerdens verkleidet, in Wahrheit aber nichts weiter ist als ein aufgeblähter Blog-Eintrag, wo versucht wird Alltagsprobleme mit Namen wie Ostseenixen und innere Giftzwerge aufzuwerten. Absolute Zeitverschwendung.


🧩 Der Konstruktionsfehler: Alles an einem Abend

Das Buch ist um eine einzige Geburtstagsparty herum konstruiert, während die Autorin gedanklich durch ihr Leben wandert. Was wie eine geniale literarische Strategie klingen soll, entpuppt sich als lahmes Konstrukt. Alles wird auf einen einzigen Abend zusammengestaucht — Wechseljahre, Antidepressiva, der Tod der Eltern, George Clooney und die erste Reise nach New York. Das ergibt kein kohärentes Ganzes, sondern einen unappetitlichen Themenbrei, der so tut, als sei er Tiefgang, wenn er doch nur Ablenkung ist.

📝 Zitate, die für sich sprechen

Das Buch öffnet mit den Sätzen:

„Bis hierhin habe ich es also geschafft. Nicht unbeschadet, natürlich nicht, ziemlich angeschlagen sogar, aber eben doch letztlich nicht unterzukriegen. Die Lebensmitte ist überschritten, ich habe geliebte Menschen, etliche Illusionen, häufig den Mut und zweimal mein Portemonnaie inklusive sämtlicher Papiere verloren.“

Das ist der Ton, der das gesamte Buch bestimmt: selbstmitleidig, aber verpackt als Selbstironie. Das verlorene Portemonnaie soll als großes Lebensdrama herhalten. Wer hier eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Alter erwartet, wird spätestens an dieser Stelle enttäuscht.

Und dann liest man von bequemer Unterwäsche, die kein Kapitulationszeichen sei, sondern ein Zeichen von Freiheit. So tief sinkt die Messlatte: Unterwäsche als philosophisches Statement. Wenn das die großen Erkenntnisse dieses Buches sind, dann gute Nacht.

🎰 Themenroulette ohne Substanz

Das Buch springt schwindelerregend zwischen Themen: Hormone, Antidepressiva, Falten, Heavy-Metal-Festival in Wacken, mit 57 bei Germany’s Next Topmodel bewerben, George Clooney, Abschied vom Elterngrab. Keines dieser Themen wird auch nur ansatzweise vertieft. Stattdessen gibt es oberflächliche Anekdoten, die wie ein Schnellkochtopf zusammengepresst werden — nichts darf zu lange kochen, sonst müsste man sich tatsächlich damit auseinandersetzen.

Die inneren Giftzwerge — ein Konzept, das vermutlich in jedem zweiten Selbsthilfe-Buch auftaucht — werden hier als große Offenbarung präsentiert. Wer nach 2020 noch nicht verstanden hat, dass man negative Gedanken auch mal hinterfragen kann, dem ist mit diesem Buch auch nicht mehr geholfen.

✍️ Stil: Leichtgewichtig statt leicht

Der Schreibstil wird von Befürwortern als lebendig und selbstironisch beschrieben. In Wahrheit ist er beliebig und konversationsfaul. Sätze wie bequeme Unterwäsche ist ein Zeichen von Freiheit oder mit fast 60 zum ersten Mal in New York und George Clooney war schuld lesen sich wie Instagram-Captions für eine Zielgruppe, die über jedes Klischee applaudieren wird, solange es mit einem Augenzwinkern daherkommt.

Die Autorin — sieben Millionen verkaufte Bücher, 21 Sprachen — schreibt offensichtlich für den Massenmarkt. Das ist ihr gutes Recht. Aber ein Buch, das sich als persönlichstes Buch und große Selbsterkenntnis verkauft, sollte wenigstens den Anspruch haben, über das Niveau einer Stammtischrunde hinauszukommen.

📚 Für wen ist dieses Buch?

Für Kürthy-Fans, die bereits jedes ihrer Bücher mochten und auch dieses mögen werden — aus Gewohnheit. Für alle anderen: Überspringen. Wer eine ehrliche, tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Altern sucht, greife zu Nothing Is True and Everything Is Possible von Peter Pomerantsev oder gleich zu Simone de Beauvoir. Das hier ist die literarische Entsprechung eines Roséweins auf der Terrasse: kurz unterhaltsam, schnell vergessen, inhaltlich null.


👎 Gesamtbeurteilung

Alt genug ist ein Buch, das den Eindruck erweckt, es sei nur geschrieben worden, weil es einen Bestseller-Platz auf der Spiegel-Liste zu füllen galt. Es ist lächerlich in seinem Anspruch, banal in seiner Umsetzung und insgesamt absolut nicht empfehlenswert. Wer 22,99 Euro für dieses Buch ausgibt, hat nicht genug gelernt, um zwischen Substanz und Schaum zu unterscheiden.

👎 Nicht empfehlenswert

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