Überwachungskamera 7A – aktiv.

Ton deaktiviert. Video läuft. Keine Bewegung registriert.


Ich war kein Soldat, kein Forscher, kein Arzt.
Ich war Archivar.

Zumindest nannte man mich so, als ich eingestellt wurde.

Die Anlage lag weit nördlich, im Grenzgebiet, hinter den alten Wäldern. Dorthin fuhr kein Bus, kein Signal erreichte die Telefone. Der Himmel war selbst tagsüber grau, als wäre die Sonne unerwünscht. Der Beton, aus dem das Gebäude bestand, war rau und kalt, wie aus einer Zeit, in der Menschen noch nicht wussten, dass sie sich einmal schämen müssten für das, was sie bauten.

Mir sagte man, es handle sich um ein Archiv für wissenschaftliche Berichte. Forschungseinheiten, Protokolle, gesicherte Daten. Ich sollte digitalisieren, ordnen, verschlagworten. Ich war gut darin. Keine Menschen, keine Unruhe, nur Dokumente, Systeme, Strukturen.

Doch gleich in den ersten Wochen gab es Anzeichen, dass dieses „Archiv“ mehr war als nur eine Ablage.

Der Fahrstuhl, mit dem ich zur Arbeit kam, hatte mehr Knöpfe, als auf dem Gebäudeplan verzeichnet waren.
A, B, C — und dann X.

– Sie brauchen den X-Schalter nicht.
Das sagte mir der Sicherheitschef am ersten Tag mit einem Lächeln, das keinen Humor kannte.
Der ist deaktiviert.

Ich nickte.
Natürlich war er es nicht.


Die erste Anomalie

Nach drei Wochen fielen mir bei der Arbeit Dubletten auf. Zwei identische Berichte, nur mit unterschiedlichen Autoren. Nur einer davon existierte offiziell in der Datenbank. Ich fragte nach. Niemand reagierte.
Ich begann unauffällig, mir Notizen zu machen.

👁️📁

Wenn ich Dokumente scannte, fand ich manchmal handschriftliche Korrekturen. Dicke Linien, die Namen übermalten. An deren Stelle: Codierungen.
ERB-04, ERB-09, ERB-12.
Ich dachte zunächst, es seien Projektkürzel.
Bis ich einen Vermerk fand:

„ERB-12 – Terminierte Subjektdatei. Zugang nur Ebene X.“


Der Keller, den es nicht geben sollte

Eines Abends – Überstunden, weil der Server neu indiziert werden musste – blieb der Aufzug in Bewegung, obwohl ich den Automatismus deaktiviert hatte.
Ich sah, wie die Anzeige auf X sprang.
Der Fahrstuhl kehrte leer zurück.

Ich bin kein neugieriger Mensch, jedenfalls war ich nie einer. Aber ich kann nicht schlafen, wenn eine Struktur Lücken hat. Also kopierte ich während des nächsten System-Backups den Fahrstuhlsteuerungsplan.
Ebene X EXISTIERTE.

Nicht virtuell. Nicht im Code. Physisch.
Ein kompletter Trakt unter der Bodenebene. Kein Zugang über das Hauptnetzwerk. Nur kodierte Steuersequenzen. Und noch etwas:
Temperaturdaten.
Von über 45 Grad Celsius.


Der Auftrag

Eine Woche später rief mich der Leiter des Archivs in sein Büro.
Ein Raum, der ganz bewusst wie aus einem alten Film wirkte – Mahagonischreibtisch, Akten in Pappordnern, keine Bildschirme.
Er sagte, sie hätten einen vertraulichen Prüfauftrag.
„Sie werden ältere Datensätze konvertieren – aus den Erebos-Archiven.“
Ich fragte, was Erebos sei.
Er sagte nur: „Vorsichtung verboten. Konvertieren Sie. Sonst nichts.“

Ich nickte.

Aber ich las.

Erebos – Zyklus 2 / 67:
„Subjekte zeigen nach 72 Stunden akustischer Stimulation ausgeprägte neuronale Synchronisation. Versuch fortsetzen.“

Erebos – Zyklus 3 / 02:
„Körperliche Integrität irrelevant. Bewusstseinsmuster erfolgreich stabilisiert.“

Ich verstand nicht sofort, was das bedeutete. Doch irgendwann begriff ich, dass es sich nicht um Forschung über Menschen handelte.
Es war Forschung mit ihnen.


Geräusche

tik… tik… tik…
👂≈≈≈

Die Archive waren still, so still, dass man manchmal den eigenen Herzschlag hörte. Doch nun kam nachts etwas hinzu.
Ein rhythmisches Klopfen, ganz leise.
Von unten.
Wie das Ticken einer Maschine, die aus Fleisch besteht.

Ich erzählte es einer Kollegin, die für Datenaufbereitung zuständig war. Sie schwieg erst, dann fragte sie leise:
„Warst du unten?“
Ich verneinte.
Sie sah mich an und sagte nur:
„Bleib weg von X. Wenn du den Ton hörst – nicht antworten.“


Der Versuch

Zwei Tage später wurde der Haupteingang gesperrt. Offiziell wegen eines „biometrischen Fehlers“. Inoffiziell weiß ich, dass mehrere Mitarbeiter fehlten.

Ich hatte jetzt Zugang zu einem neuen Terminal.
Ein leeres Feld, kein Interface. Nur ein Cursor.
Ich tippte testweise LOGIN.

Antwort: Willkommen, ERB-15. Identität bestätigt.

Erb-15?
Ich war nie registriert.
Das System hatte mich selbst zugeordnet.
Ich rief die Logdaten auf.

USER: ERB-15
AKTION: Überwachungssequenz X-3 gestartet
STATUS: Stimulus-Aktiv

Ein Video öffnete sich.


Was ich sah

Kamera X-3 – Aufnahme beginnt.

Raum ohne Fenster. Rauchiger Dunst in der Luft.

Eine Gestalt in einem Metallstuhl fixiert. Kopf zur Seite geneigt.

Hinter der Scheibe Menschen in Schutzanzügen.

Ton: verzerrt. Ein Brummen, tief, vibrierend, wie ein Tieratem unter Wasser.


Ich wollte stoppen.
Doch das System reagierte nicht.

Auf der Brust des Subjekts stand mit roter Farbe: 15.

Ich erkannte den Raum – so einer lag direkt unter meinem Arbeitsplatz.
Ich sah, wie die Gestalt sich aufrichtete. Haut zitterte, Augen geöffnet, aber kein Ausdruck.
Dann beugte sie sich leicht nach vorn, als hätte sie mich gesehen.
Und sprach.
Nicht deutlich, nur vibrierend:

„Archiv…“

Das war der Moment, in dem der Bildschirm ausfiel.


Danach

Ich bekam eine Meldung vom System:

Stimuluszyklus abgeschlossen. Experiment Erebos synchronisiert.

Ich konnte nicht sagen, was das bedeuten sollte. Aber in den folgenden Nächten träumte ich vom Archiv – nur dass es anders aussah:
Räume aus Metall, Wände aus Atem, Schubladen, die selbst nach mir griffen.

Ich sah mich über Monitore gebeugt, wie ich mich selbst beobachtete.
Und das Geräusch. Immer dieses Geräusch:

tik… tik… tik…
👁️⌛


Der letzte Eintrag

Ich plante, alles zu löschen.
Daten, Kopien, Sicherungen.
Aber jedes Mal, wenn ich versuchte, einen Ordner zu entfernen, duplizierte er sich.
ERB-15 (1)
ERB-15 (2)
ERB-15 (final)
ERB-15 (root)

Mein Kollege Daniel – der sonst Spätschichten machte – fand mich einmal schlafend vor dem Terminal. Ich weiß nicht, wie lange ich da war.
Er sagte: „Du hast gesprochen, während du geschlafen hast.“
Ich fragte: „Was habe ich gesagt?“
Er: „Du hast ‘alles läuft weiter’ wiederholt.“

Ich schwöre, ich erinnere mich nicht.
Aber in den Systemprotokollen steht tatsächlich:
Process resumed. Subjekt aktiv.


Der Brand

Es dauerte nicht lange, bis der Sicherheitsalarm ausgelöst wurde.
Hitze. Rauch. Stimmen, die durcheinanderriefen.
„Level X entgleist!“ „Schott schließen!“ „Lichtschutz aktivieren!“

Ich rannte durch die Gänge. Der Rauch brannte in den Augen.
Von unten kamen Schreie, metallisches Kratzen, dann ein Ton, den ich nicht beschreiben kann – eine Mischung aus Sirene und Atemzug.

Durch den Flur schoss eine Druckwelle, und alle Lichter flackerten.
Ich spürte ein Summen im Kopf, als ob jemand von innen meinen Schädel beklopfte.
Einmal. Zweimal. Dreimal.
Tik. Tik. Tik.

Ich stolperte in den Fahrstuhl.
Drückte jeden Knopf, außer X.
Aber der Fahrstuhl fuhr trotzdem dorthin.


Ebene X

⬇️

Die Türen öffneten sich.
Nebel.
Schwüle Luft, Metallgeruch.

Ich sah Kabelbündel an der Decke, Wasser auf dem Boden, Monitore, die etwas zeigten, das früher Gesichter gewesen sein könnte.
In der Mitte des Raumes: der Stuhl aus der Aufnahme.
Leer.
Aber die Gurte waren zerrissen.

Auf dem Boden stand mit Ruß geschrieben: ERB-15.
Und ich wusste plötzlich, dass das nicht der Name des Subjekts war.

Es war meiner.


Der Ausgang

Niemand fand später Aufnahmen, keine Datensätze, keine Archive.
Man sagte, es war ein Unfall im Serverraum.
Feuer durch Stromprobleme.
Die offizielle Liste der Toten war leer.
Nicht, weil niemand gestorben wäre – sondern, weil niemand dort offiziell gearbeitet hatte.

Ich lebe jetzt anderswo. Ein normales Büro. Keine Kameras, keine Protokolle.
Aber wenn der Drucker einschaltet, höre ich manchmal das Geräusch wieder:

tik… tik… tik…

Und manchmal erscheint im Dateipfad für einen Sekundenbruchteil ein Ordner, den ich nie angelegt habe:

Erebos / root / 15 / aktiv

Dann friert der Bildschirm ein.
Und für einen Moment spiegelt sich in ihm ein Gesicht.
Nicht meins.


🔥👁️📂
Ende der Datei.


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