„Der Dienstag war ein Murmeltier“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, bei der der Alltag einmal quer durch die Absurditätsmaschine gedreht wird und hinten ebenso viel Herz wie Hirnverzwirbelung wieder herauskommt.
Baumwolle und Sehnsucht
Die erste Geschichte „Baumwolle und Sehnsucht“ hat das Potenzial, Menschen für immer anders auf ihren Wäschekorb blicken zu lassen: Eine tragikomische Liebesgeschichte zwischen der robusten Herrensocke Leo und der zarten Damensocke Lilly, die in der Hölle der Waschmaschine kulminiert und im Flusensieb zu einer erstaunlich zarten Meditation über Verlust, Treue und das Schicksal verirrter Socken wird.
Der Streik des Klaus Kritzki
„Der Streik des Klaus Kritzki“ ist für alle, die jemals ihren digitalen Geräten die Schuld gegeben haben: Hier legt der Premium-Eingabestift eines Kindle Scribe einen offiziell angekündigten Warnstreik ein, beschwert sich über Rechtschreibverbrechen wie „vieleicht“ und „standart“ und erzwingt einen Tarifvertrag, der den Nutzer zu Grammatik, Poesie und einem Romanentwurf verdonnert. Die Mischung aus Bürokratie-Satire, Schreibblockaden-Humor und echter Kreativitätsfrage macht diese Geschichte zu einem der heimlichen Stars des Bandes.
Die Titelgeschichte: Der Dienstag war ein Murmeltier
Die Titelgeschichte „Der Dienstag war ein Murmeltier“ ist dann pure Meta-Magie: Der Erzähler Ambrosius Federkiel baut sich ein gigantisches mechanisches „Narrativ-Orrery“, eine Art Uhrwerk-Roman aus Zahnrädern, Figuren und Plot-Schienen, bis das „Amt für Sinnhaftigkeitsprüfung“, die Baroness von Plot-Twist, ein Chor verpasster Gelegenheiten und die körpergewordene Panik seine perfekte Struktur in die Luft jagen. Wenn Ambrosius schließlich die „Essenz des reinen Unfugs“ trinkt und als ersten Satz „Der Dienstag war ein Murmeltier“ notiert, fühlt sich das an wie eine Liebeserklärung an das Schreiben, das Scheitern und die Freude am bewussten Blödsinn.
Die letzte Oktave des Grollentals
„Die letzte Oktave des Grollentals“ schlägt erstaunlich berührende Töne an: Alois Gspänninger, letzter Meister des Grollentaler Ohrenschaukelns, kommuniziert mit Kaiseradlern über minimale Ohrenbewegungen, während ein geschäftstüchtiger Investor das Ganze in ein Wellness-Resort mit Auri-Flow-Programm verwandeln will. Der Wettkampf zwischen „Leiser Schule“ und „Lauter Schule“, die Ohren-Olympiade unter dem Adlerhorst und der Moment, in dem der Adler tatsächlich auf Alois’ stumme, kunstvolle Darbietung reagiert, sind zugleich komisch, melancholisch und überraschend politisch in ihrer Kritik an Vermarktung und Traditionstourismus.
Die unsichtbare Symphonie des Andreas K.
Besonders hängen bleibt auch „Die unsichtbare Symphonie des Andreas K.“: Ein exzentrischer Olfaktionom komponiert Düfte wie „Die subtile Melancholie eines vergessenen Regenschirms an einem Dienstagnachmittag im November“, bis ein Lifestyle-Konzern seine Kunst in „Urban Rain Kiss“ verwandelt und sie durch eine Marketingmaschine aus Hashtags, Launch-Partys und Influencer-Selfies dreht. Zwischen Chantal-Fleur, dem „Brand Synergist Narrative Architect“, einer verstörend falsch inszenierten Labor-Ästhetik und einer einsamen E-Mail einer Chemiestudentin über die „molekulare Struktur von Dienstag“ gelingt dem Text eine böse, sehr aktuelle Satire auf Authentizität im Zeitalter von Content, ohne den leisen Trost aus den Augen zu verlieren, dass echte Resonanz manchmal nur eine einzige Person braucht.
Weitere Kurzgeschichten
Auch die übrigen Geschichten fügen sich stimmig in dieses Panoptikum des sanften Wahnsinns: Da wachsen einem Professor plötzlich Knöpfe aus der Haut, die schließlich zur Kunstinstallation werden, ein Altphilologe wird mit einer einzigen Grünlilie zum Social-Media-Phänomen „Die Topfpflanze“, ein weinender Gartenzwerg bekommt sein Moosbett, und irgendwo im Hintergrund stolpern Pfauen, Pfarrer, Investoren und Beamte durch ihre eigenen kleinen Katastrophen.
Fazit
Unterm Strich wirkt der Band wie eine elegant geschriebene Mischung aus Loriot, Douglas Adams und einem sehr gut aufgelegten Kafka, nur mit mehr Gartenzwergen, Socken und Ohrläppchen. Wer Lust auf kluge, pointierte Kurzgeschichten hat, in denen sich absurder Humor, gesellschaftliche Satire und echte Zärtlichkeit für die Figuren ständig gegenseitig überbieten, ist mit „Der Dienstag war ein Murmeltier“ mehr als gut bedient.
Gesamtbewertung
Gesamtbewertung-
Lesbarkeit5/5 Amazing
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Stil5/5 Amazing
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Plot4/5 Good
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Charaktere5/5 Amazing
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Umschlag/Layout5/5 Amazing
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Preis5/5 Amazing
